| Vorbei sind die Zeiten, wo man einen guten Kontakt zu
einer Tübinger Verbindung haben musste,
um in den Genuss einer Stocherkahnfahrt zu kommen. Heute geht man an einem schönen
Sommertag einfach an eine der Anlegestellen, z.B. am Hölderlinturm oder an der Neckarbrücke und
bezahlt einen Sitzplatz in einem der bereitstehenden Stocherkähne. Mindestens eine halbe
Stunde sollte man dafür schon investieren, ab einer Stunde kann man dann einmal um die
950m lange Neckarinsel sich herumstochern lassen. Richtig genussvoll ist allerdings die
Ausfahrt nur dann, wenn man es so macht wie die Studenten und einen ganzen Abend am
Stocherkahn, z.B. mit Grillen und einem häufigen Umtrunk, verbringt.
Anfänger haben mit den leicht schaukelnden Booten oft Probleme, besonders wenn unvernünftige Mitreisende zu Schaukeln beginnen. Aber die Zillen - Boote sind sehr kippstabil und selbst wenn man umkippen sollte, ist der Neckar so seicht, dass ein Erwachsener oberhalb des Neckarmüllers an jeder Stelle des Neckars stehen kann. Allerdings sollte man - wie immer am Wasser - schwimmen können. Vor dem Stochern sollte man eine Toilette aufsuchen (z.B. die im Kiosk des BVV an der Neckarbrücke, die an der Stiftskirchenmauer ist gesperrt) und nach dem Stochern sollte man dann doch gemeinsam in einer Kneipe oder im Biergarten das Erlebnis besprechen. Stocherkahnrennen 2009 (von Matthias Leyk) 'Stochern' konnte man früher nur in Tübingen, sowie in Cambridge und Oxford (punting the punts), im Spreewald wird man auf ähnlichen Booten 'gefahren'. Inzwischen wird das Stochern schon exportiert, beim Neckarfest in Rottenburg wird es auch dort angeboten.
Stocherkahnfahrt ist nicht gleich Stocherkahnfahrt. Es kommt neben dem Wetter auch immer auf das Programm an, das dabei geboten wird. Bei den Stocherern kann man deren Spezialitäten nachlesen. Das Angebot ist vielfältig und reicht von der einfachen Fahrt bis zum Kunstevent mit verschiedensten Darbietungen, z.B. auch mit einem literarischem Programm. Rainer Schmidt, Stocherer aus Tübingen
113 Kähne gestattet die Stadt ab dem Jahre 2001, 20 mehr als früher. Die Investitionen eines Stocherers sind gering. Ein Gewerbeschein, eine Haftpflichtversicherung und schon kann es losgehen. Kähne kann man sich ausborgen und die Ausbildung zum Stocherer ('Stocherkahndiplom') erfolgt meist autodidaktisch, das heißt durch stundenlanges Üben an einem Niederwassertag am Neckar, Kunden gewinnt man über das Internet und durch Mundpropaganda.
Viele Touristen versuchen es auch selbst einmal als Stocherer. Es ist nicht so leicht, wie es aussieht. Die Stocherstange ist 7 m lang, unhandlich und etwa 5 -10 kg schwer und da sie beim Eintauchen nass wird, wird es auch der Stocherer, die Stocherin (auch viele Studentinnen verstehen sich durchaus in dieser Kunst). Man braucht auf jeden Fall gute Schuhe, am besten Tennisschuhe, damit man nicht auf der kleinen, nassen Trittfläche dieser "schwäbischen Gondeln", die meist aus Oberösterreich kommen, ausrutscht und Kleidung zum Wechseln.
Es ist viel leichter flussabwärts zu stochern und auch die Wasserhöhe und Geschwindigkeit spielen ein große Rolle. Meister in der Kunst des Stochern ist man, wenn man einen mit 12 Personen besetzten Kahn bei hohem, schnellfließendem Wasser (z.B. nach einem Regenguss) in der Flussmitte gerade stromaufwärts zügig weiterbringt.
Ein Stocherkahn besteht aus Eichen- und Fichtenholz, wiegt zwischen 250 und 400 kg, ist etwa 10 m lang und bis zu 1,5 m breit. Er kann, je nach Größe, mit bis zu 18 Personen besetzt werden. Die Normalbesatzung ist bei 12 Personen und einem Stocherer. Die Kosten für eine Stunde Fahrt (mit Stocherer) beginnen bei 50 Euro pro Kahn, die Verlängerungsstunde ist dann billiger, am Wochenende wird es dafür teurer.
Die Konstruktion eines Stocherkahns ist durchaus interessant. Besonders die Sitzanordnung mit den gelochten Sitzbrettern macht den Stocherkahn flexibel und individuell für jede Gruppe. Das Loch in den Brettern, sowie die Schlaufe in der Stange erlauben mit einem Seil den gesamten Kahn, samt Inhalt, zu sichern.
Wer sich selbst einen Stocherkahn gekauft hat, tat dies meist in einer Gemeinschaft. Es lohnt sich für eine einzige Familie kaum, sich einen Kahn zuzulegen. Nicht vergessen darf man, dass man von der Stadt einen Liegeplatz mieten muss. Zuständig ist dafür das Liegenschaftsamt im Rathaus. Die Kosten pro Jahr sind 25 Euro in der Bismarckstrasse bis zu 160 Euro am Hölderlinturm. In 2001 wurden am Casino in der Wöhrdstraße 20 neue Liegeplätze geschaffen, die auch jeweils 160 Euro kosten. Diese Preise gelten pro Saison (vom 1.4. bis 15.11.), im Winter muss der Kahn aus dem Wasser! Das Tübinger Stocherkahnrennen Berühmt ist inzwischen das jährliche Stocherkahnrennen, das zum ersten Mal 1956 (Initiator war das Haus Lichtenstein) stattfand. Es findet immer an einem Donnerstag im Juni statt, beginnt um etwa 13h beim Bügeleisen, das ist die Westspitze der Neckarinsel, dem Insele, wie die Tübinger sagen, geht dann den Neckar flussabwärts, dann muss man einmal in einer offenen 8-er Schleife den Pfeiler der Eberhardsbrücke umschiffen ('durch das Öhr') und dann geht es wieder flussaufwärts an den drei Gymnasien vorbei zum Bügeleisen. Besonders am Pfeiler der Neckarbrücke, beim Nadelöhr, kommt es zu dramatischen Szenen, weil sich hier zwei Gruppen ineinander und durcheinander bewegen. Hier geht es wirklich zur Sache.
Ab 2000 kann man dieses Geschehen von der neuen und voll belastbaren Metallstiege beobachten, die alte baufällige Betonstiege wurde im Herbst 1999 abgerissen und erneuert. Will man einen guten Fotoplatz bekommen, dann muss man schon lange vorher auf der Treppe rund um den Neckarturm verharren. Das Gedränge ist in jedem Fall enorm, auch wenn der Termin für dieses Stocherkahnrennen immer noch nicht sehr bekannt ist. (Ähnlich groß ist auch das Interesse am Entenrennen.) Es ist ein europaweit einmaliger Wettkampf mit den taktischen Unterdisziplinen Paddeln, Entwässern, Unterstützung der Steuerung und Gegner wegstoßen. Bewegt (oder besser gesteuert) werden die Boote durch den Stocherer, aber wichtiger sind die vielen Paddler, die mit ihren bloßen Händen und den Rhythmus laut zählend das Boot weitertreiben.
Am kritischsten für den Erfolg ist das genaue Wechseln von einer Seite zur anderen, denn die Paddler können immer nur einige Schläge (meist 20) mit einer Hand ausführen. Früher konnte man zum Paddeln noch die Sitzbretter verwenden, aber diese sind inzwischen nicht mehr gestattet.
Einige Bootsbesatzungen sind verkleidet oder sogar maskiert und geben weniger eine sportliche, als eine unterhaltende Note ab. Selbstverständlich fahren auch Frauenmannschaften mit, darf man doch nicht vergessen, dass Tübingen mehr Studentinnen als Studenten hat! Die SiegerInnen müssen das Fest am Abend ausrichten, eine clevere Gruppe wird deshalb eher den zweiten Platz anstreben. Die VerliererInnen müssen hingegen das nächste Rennen ausrichten und jeder der Teilnehmer muss einen halben Liter Lebertran trinken, den sie sich meist allerdings bei geschlossenem Mund dann einfach über das Gesicht gießen. Die Kleidung muss nach diesem Event (bei dem im Nadelöhr ohnehin alle im Wasser waren) sowieso gewechselt werden, da kommt es auf die zusätzlichen Fettflecken darauf nicht mehr an.
Sieger und Verlierer findet man inzwischen in der Wikipedia. Die Profistocherer sind meist im Vorteil, die Studenten üben offensichtlich zu wenig.
Ein häufiger Sieger, Michael Selchow, ist übrigens auch Vorsitzender vom Stocherkahnverein Tübingen (gegründet 1995). Seine Mitglieder 'teilen Freud und Leid des Stocherkahnfahrens' und sie erweisen sich u.a. mit ihrem sozialem Engagement als außerordentlich nützlich und wichtig für die Stadt Tübingen.
Oft wird man mit einer Gruppe nach Tübingen kommen und dann eine Stunde mit Stocherkahnfahren einplanen wollen. Dafür empfehle ich die Dienstleistungen des Verkehrsvereins in Anspruch zu nehmen, auch wenn diese etwas teurer sind, als die direkten Buchungen beim Stocherer. Aber dafür kann man sich darauf verlassen, dass auch bei einem Ausfall sicher Ersatz vorhanden ist.
Man kann auch Stocherkahnfahrten bei Herrn Heiner Märkle, dem Bootsvermieter an der Neckarbrücke, im Voraus buchen (fon 07071 - 3 15 29) oder bei anderen Veranstaltern über das Internet. In jedem Falle sollte man vereinbaren, was der Ausfall der Fahrt wegen Schlechtwetters kosten darf. Bezahlt wird i.A. nach Ende der Fahrt direkt an den Stocherer.
Die Bedeutung des Stocherkahnfahrens in Tübingen wird inzwischen auch von der Stadtverwaltung als Ordnungsorgan gesehen. Im Jahre 2001 wurden deshalb die Anlegestellen erweitert (Bismarckstrasse, Hermann-Kurz-Strasse, neu die Wöhrdstraße und der Hölderlinturm) und das Fahren und Anlegen mit einer Rechtsverordnung geregelt. Da das Stocherkahnfahren in Tübingen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor (ein Stocherer verdient damit bis zu 20.000 im Jahr) und ein bedeutender Imageträger geworden ist, wurde es auch Zeit, dafür zu sorgen, dass jetzt die Ordungsorgane bei Verstößen eingreifen können. Die wichtigste Neuerung ist, dass Boote nur an ausgewiesenen Liegeplätzen angelegt werden dürfen. Verboten ist es insbesondere Boote am Neckarufer an Bäumen, Büschen, Brückenpfeilern u.a. anzulegen.
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| © (P) 2009 Otto Buchegger Tübingen tuepps.de/stocherkahn.html |