| Weinbau hat in Tübingen lange Tradition. Die
besondere Lage an den geschützten Südhängen von Schönbuch und Spitzberg haben im
Mittelalter den Weinbau zur Blüte bringen lassen. Mit zunehmend besseren
Verkehrsverbindungen, die den Import wohlschmeckenderer Weine förderten, wurde allerdings
der Weinbau wirtschaftlich immer uninteressanter. Probleme mit dem Weinbau hatten
zeitweise verheerende Folgen für die Tübinger Unterstadt. So zeugen noch heute an der
Kelter Gedenksteine von besonders schwierigen Jahren.
Überall in der Unterstadt, der früheren Gogei (Gog = Weingärtner), wird man an die lange Tradition erinnert. Mit einiger Fantasie kann man sich auch heute bei einem Blick vom Schloss noch die vielen Weinberge vorstellen, die später Gärtnereien wurden und dann den Wohnungen und Kliniken gewichen sind.
Spätestens seit dem Jahr 1484 existierte in Tübingen eine Urbansbrüderschaft. Seit 1879 gibt es die Tübinger Weingärtner-Genossenschaft (früher Tübinger Kelternverein). Damals zählte der Verein 493 Mitglieder, im Jahr 2004 zum 125. Jubiläum sind es noch 39, von denen 14 ihren eigenen Wein anbauen.
Und so gibt es auch noch heute einige bemerkenswerte Weinhandlungen, z.B. die Kelter am Kelternplatz oder den Wein-Schmid in der Jakobsgasse, die man sich unbedingt auch von innen ansehen sollte, um etwas über die aktuelle Bedeutung des Weins für Tübingen zu erfahren.
Auch wenn es viele Witze über den Tübinger Wein gibt, er ist wesentlich besser als sein Ruf und durchaus trinkbar und vor allem besser als der Reutlinger Wein, wie man von jedem Tübinger - auch ungefragt - erfahren kann. Und viele Weinkenner haben dazu beigetragen, dass man alle Spitzenweine der Welt auch in Tübingen bekommen und trinken kann. Junge Önologen bringen neuen Schwung in die Tübinger Weinszene. So erzeugt mit modernen Methoden Christian Gugel gute Tübinger Weine, wie Müller-Thurgau oder Portugieser, deren Reben in den Tübinger Universitätsweinbergen wachsen. In seinem neu errichteten Weingut am Kreuzberg, noch ein Geheimtipp für die Tübinger Weinfreunde, lassen sie sich Dienstag und Freitag zwischen 18.00 Uhr und 20.00 Uhr verkosten und selbstverständlich auch kaufen. Und selbstverständlich bekommt diese regionalen Produkte auch in der Innenstadt angeboten, z.B. in der Silberburg am Marktplatz
Bei der Jakobuskirche wurde sogar den Weingärtnern, den Winzern, Wengertern, die hier nicht nur Gogen, sondern auch Raupen genannt wurden, ein eigenes, wenn auch ziemlich hässliches, Denkmal gesetzt. Es erinnert an die unendlichen Mühen des Weinbaus und die hohen geschäfltichen Risiken, die durch Wetter oder Krankheiten der Reben bis heute zu tragen sind.
Trotzdem hat sich in einigen Teilen des Kreises der Weinbau, wenn auch nur im Nebenerwerb, bis heute erhalten. Besonders in TÜ-Unterjesingen, Ammerbuch- Breitenholz, Wurmlingen und TÜ-Hirschau markieren noch heute die blauen Netze über den Reben die Anbaugebiete. Großer Beliebtheit erfreuen sich die Besenwirtschaften, die einige Wochen im Jahr ihre eigenen Erzeugnisse - meist in rustikaler Umgebung - verkaufen. Mit der Wiederinbetriebnahme der Ammertalbahn sind einige von ihnen besonders gut und risikolos erreichbar geworden. Ein feuchtfröhlicher Besuch, z.B. in Unterjesingen, vielleicht mit einer kleinen Gruppe von Kennern und Genießern, wird lange in bester Erinnerung bleiben.
Der ultimative Besenwirtschaftsführer dazu ist das Besen- und Straßenbuch (jährlich neu) aus dem Wetterhuhn - Verlag Brackenheim. Es gibt aber auch einen Besenführer im Internet.
Hier noch einige statistische Daten von 1999 zum Weinbau im Kreis Tübingen aus der Zulassungsarbeit von Martin Stroh: 273 Winzer bearbeiten knapp 33 hA Rebfläche. Die meisten davon in Unterjesingen (998 Ar), gefolgt von Hirschau (747), Wurmlingen (407), Breitenholz (345), Wendelsheim (344), Tübingen (193), Rottenburg (181), Entringen (44) und Pfäffingen (14 Ar). 60% wird Rotwein (Schwarzriesling, Spätburgunder und Portugieser), 30 % Weißwein (Kerner und Müller-Thurgau), der Rest ist Rosé, Weißherbst und Schiller.
Seit dem 31.8.2000 sind Tübingens Genießer, vor allem aber die Weintrinker, um eine Attraktion reicher. Die Kelter am Kelternplatz wurde wiedereröffnet. Neben Wein und Spirituosen werden auch Obst, Kaffee und andere Spezialitäten angeboten. Das Angebot wird gut angenommen, vor allem auch als Veranstaltungsraum, z.B. für Feste, Konzerte und Empfänge.
An der Südseite des Kapellenbergs in Wurmlingen ist seit Herbst 1996 ein neuer Weinlehrpfad ausgeschildert, den man immer begehen kann. Ansonsten sind die Wege durch Weinberge im Herbst generell verboten.
Obstbrände und richtigen Ammertalwhisky gibt es übrigens aus der eigenen Destillerie im Gasthof-Hotel Lamm in Unterjesingen und in Tübingen u.a. am Marktplatz in der Silberburg.
Tübinger Besenwirtschaft u.a. bei Christian Gugel im Weingut Gugel, Kreuzberg 46, 72070 Tübingen (fon 07071 - 4 16 60, fax - 7 93 66 11) vom 11. - 19. November, werktags ab 16h, sonntags ab 10h. Achtung, dies ist nicht im bekannten Gewerbegebiet "Vor dem Kreuzberg", sondern in idyllischer Lage am Kreuzberg, die Zufahrt erfolgt direkt an der Bushaltestelle Kreuzberg auf der Straße nach Hagelloch, schon außerhalb des bebauten Gebietes. In Unterjesingen schenkt neben Fritz Maichle (Winzerstraße 8, fon 07073 / 7408, Nähe Ammertalbahn), Albert und Helga Seibold (Weinsteige 7, fon 07073 / 7183, fax 07073 / 3838, beim Seibold Sanitär, Am Baylerberg 20) auch die Familie Richard Müller im Oktober in ihrer Besenwirtschaft am Enzbach im Rosecker Tal, einen ganz hervorragenden Wein aus (Spielbergstr. 27, fon 07073 / 5244 Besen, 07073 / 7911privat, fax 07073 / 910411). Im nahen Breitenholz unterhält der Weinbau Bischlager eine Besenwirtschft in der Raiffeisenstraße 11/13 (fon 07073 / 6941, fax 07073 / 4407). Hirschauer Besenwirtschaften unterhalten u.a. die Fam. Elsässer und Fridrich, Schuirabesaschank (Rita und Roland Haug), Barbara und Stefan Latus, Gertrud und Walter Mayer, so wie Ede's Besen (Edmund Mayer).
Und hier geht es zur Roten Kapelle, Chardonnay du Gog und anderen originell betitelten Erzeugnissen vom Weinbau Brenner. Dieselbe Adresse hat die Schwäbische Verlagsgesellschaft, die auch alte Weinbücher herausbringt. Der SWR hat in seiner Serie Sounds of Tübingen auch Tondokumente zum Weinbau gesammelt. Weinlinks und Linkpartner Weinanbau - Wissen rund um die Traube Neue
Trinksprüche und Schüttelreime für Weinfreunde |
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